„The Ground on Which I Stand“

Nir Alon und Gazmend Ejupi

kuratiert von Michele Robecchi

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thegroundonwhichistand.com

Vom 04. bis zum 24. Februar zeigen der Hamburger Künstler Nir Alon und der Londoner Künstler Gazmend Ejupi ihre durch fünf Städte wandernde Ausstellung auf ihrer 4. Station in Hamburg. Zuvor war die Ausstellung schon in Pristina, Tel Aviv und London zu sehen, den Abschluss macht nach Hamburg dann Bologna. In der Ausstellung wird die Frage nach Heimat behandelt, einem Ort der für beide Künstler nicht sofort zu definieren ist.

„Es ist nicht leicht, die verschiedenen Aspekte meines Lebens voneinander zu trennen. Ich habe versucht, sie übergangslos zu leben ... Kunst und Leben verschmelzen bei mir untrennbar miteinander. Die Ideen, die ich in meiner Jugend, in der mein Idealismus in voller Blüte stand, entdeckt und weiterentwickelt habe, habe ich auch mit über vierzig, einem Alter, in dem der Idealismus schon leicht welkt, dafür aber Weisheit aufkeimt, nicht aufgegeben. Die Vorstellungen von Selbstbestimmtheit, Selbstachtung und Selbstschutz, die mein Leben in den 1960er Jahren geprägt haben, besitzen für mich auch heute noch Gültigkeit und treiben mich an.“
August Wilson, The Ground on Which I Stand, 1996

Die Ausstellung „The Ground on Which I Stand“ befasst sich mit der Unmöglichkeit, Kunst und Leben voneinander zu trennen, und zeigt darüber hinaus, wie die Beziehung dieser beiden Aspekte unsere Vorstellung von Gesellschaft formt und prägt. Der Titel der Ausstellung stammt aus einer Rede des bekannten amerikanischen Dramatikers August Wilson (1945-2005), gehalten 1996 im Rahmen der Theatre Communications National Conference in New York. Wilson ging es dabei im Wesentlichen um die Schwierigkeit, seine Theatertätigkeit von den eigenen Erfahrungen als Afroamerikaner zu trennen. Wie Wilson interessieren sich auch die in der Ausstellung gezeigten Künstler Nir Alon und Gazmend Ejupi für theatralische Formen der Repräsentation sowie Fragen der Identität. Beiden fällt es schwer, den Begriff Heimat zu definieren (Alon, dessen Mutter aus dem Kosovo stammt, wurde in Israel geboren und lebt heute in Deutschland, Ejupi wurde im Kosovo geboren und lebt heute in London). Ihr Leben ist geprägt von einer kulturellen und geografischen Dualität, die einerseits für einen reichen Erfahrungsschatz gesorgt hat, andererseits aber auch dazu geführt hat, dass ihr persönliches Leben eine eher untergeordnete Rolle spielt. Auswirkungen hatte dies nicht nur auf ihre künstlerische Laufbahn, sondern auf sämtliche Aspekte ihres Lebens, werden sie wegen der vielschichtigen Facetten ihres familiären Hintergrunds oftmals in eine Schublade gesteckt, in der politische Ansichten mehr Gewicht erhalten als persönliche Meinungen.
Die hybride Identität hat bei beiden Künstlern für ein Gefühl der fortwährenden Ausgeschlossenheit gesorgt, das sich auch in ihren Arbeiten widerspiegelt. Alons Skulpturen entstehen aus dem Dialog zwischen dem Künstler und dem Ort der Ausstellung. Die aus vor Ort gesammelten Materialien wie Büchern oder Möbelstücken entstehenden Arbeiten untergraben die Vorstellung, die Recherchen des Künstlers fänden in einem Raum außerhalb der Erfahrungswelt des Betrachters statt. Sie lassen sich als Einladung zur Interaktion verstehen, stellen aber auch Aspekte des kulturellen Umfelds der Ausstellung und ihre Beziehung zum Künstler dar.
Die Videoinstallationen von Gazmend Ejupi zeichnen sich durch ihren nicht-objekthaften Charakter aus und lassen sich auf gewisse Weise als komplementäre Gegenstücke zu den Arbeiten von Alon verstehen. Eingefangen werden zeitliche und räumliche Episoden, die wie Schnappschüsse aus der Erinnerung des Künstlers wirken und sich auf ganz gewöhnliche Erlebnisse konzentrieren wie zum Beispiel ein Stromausfall in der Wohnung der Eltern oder die vor einer Hochzeitsfeier durchgeführten Rituale. Indem Ejupi die Stimmung in der Stadt, in der er geboren wurde, und in derjenigen, in der er heute lebt, einfängt, untersucht er indirekt die neue Umgebung und die ungewohnten Lebensgewohnheiten, an die er sich in der Phase des Übergangs erst gewöhnen musste. Ejupis Videos, die die Stärken und Schwächen einzelner Personen und somit auch der Gesellschaft offenlegen, erzählen in erster Linie seine persönliche Geschichte. Die in einer einzigen Einstellung gedrehten Videos wirken wie Gemälde in Bewegung und verweisen auf die Vorliebe des Künstlers für das älteste Kunstmedium; gleichzeitig werden sie aus der Readymade-Tradition herausgelöst, aus der sie zu stammen scheinen.
Die Arbeiten von Alon und Ejupi wollen weder das Alltägliche überhöhen noch eine Geschichte erzählen. Auch wenn es beiden um das Erforschen der eigenen Identität geht und sie dafür auf alltägliche Objekte und Situationen zurückgreifen, wählen sie für ihre Präsentationen unterschiedliche Stile, die von räumlicher Offenheit bis hin zu Klaustrophobie reichen. Die für beide Künstler zentralen Themen der geografischen Zugehörigkeit und der menschlichen Gegenwart, zeigen sich in den Arbeiten vor allem in ihrer nicht greifbaren Präsenz.
Themen wie Vielfalt, Nostalgie und Abwesenheit werden dabei auf eine Art behandelt, die kulturelle und geografische Zugehörigkeiten absichtlich infrage stellt. Die zwar feinen, aber ausschlaggebenden Grenzen zwischen Stolz und Zuneigung, Individuum und Kollektiv, Ländern und Nationen werden voll ausgelotet, die Betrachter werden eingeladen, die Wahrnehmung der vorgefertigten Vorstellungen infrage zu stellen und den Boden, auf dem sie stehen, auf eher persönliche Art zu definieren.
Text: Michele Robecchi (Übersetzung: Harriett Fricke)

‘The Ground on Which I Stand’ is based on a speech given by the great, late American playwright August Wilson (1945-2005) on the occasion of the Theatre Communications National Conference in New York in 1996. A key part of Wilson’s statement was about the difficulties he was having in separating his concerns with theatre from his concerns of his life as an African-American. 'It is difficult to disassociate one part of my life from another. I have strived to live it all seamless … art and life together, inseparable and indistinguishable. The ideas I discovered and embraced in my youth when my idealism was full blown I have not abandoned in middle age when idealism is something less the blooming, but wisdom is starting to bud. The ideas of self-determination, self-respect and self-defense that governed my life in the ’60s I find just as valid and self-urging in 1996.’
Taking the cue from Wilson’s plea, the exhibition aims to investigate the impossibility of separating art from life and how they contribute to shaping our vision of society. Nir Alon (b. 1964) and Gazmend Ejupi (b. 1973) both share an interest in theatrical forms of representation as well as a constant struggle to define their cultural and geographical identity. The resulting sense of displacement is reflected in their different practices and the dialogue they entertain.
This exhibition, now in its fourth incarnation, marks the first collaboration between the two artists after years of acquaintance. The choice of investigating their own individuality, as well as issues of nostalgia, belonging, absence, integration and diversity, through a joint statement reveals an exploration of everyday reality counterbalanced by complementary narrative models.
The public display of their perception of the changes that have characterized their lives is an invitation to enter a moment of collective history and experience a personal one, and to embark on a journey to discover the ground on which you stand.
‘The Ground on Which I Stand’ first opened at Chelouche Gallery in Tel Aviv in spring 2009. It travelled to Tetris in Prishtina in autumn 2009 and at The Agency in London in June 2015. The exhibition at Feinkunst Krüger in Hamburg will be its conclusive leg. A catalogue documenting all four exhibitions will be launched in May.