Daniel Tschernich – Anna Göldi und die freie Entartung im Synchrontanz der Singularitäten

Vom 05.07. bis 26.07.2008 präsentiert Daniel Tschernich, in seiner ersten Einzelausstellung in Hamburg, seine neuesten Arbeiten.

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Anna Göldi ist die letzte Frau, die im Jahre 1872 in der Schweiz wegen Hexerei zum Tode verurteilt wurde. Was die Bilder von Tschernich mit dieser Tat zu tun haben, wird auch in dieser Ausstellung nicht abschließend geklärt. Wohl aber wird versucht einen Zusammenhang zwischen Irrationalem und Rationalem herzustellen und dieses auf Sehgewohnheiten zu übertragen und den Betrachter mitzunehmen, einen Blick zu werfen auf die Bilder hinter den Bildern. Tschernichs Zeichnungen beziehen sich sowohl auf die Mathematik als auch auf die Formen der Natur in ihrer immer wiederkehrenden, gleichförmigen, angewandten Art. Gleichzeitig versucht er damit zu brechen und das Ungewisse und Unberechenbare in seine Arbeiten einfliesen zu lassen. Dieses erfordert einiges an Konzentration beim Betrachter, denn ein flüchtiger Blick reicht nicht aus, um seine Bilder komplett zu erfassen.

Tschernich selbst:
Der Titel spannt einen Bogen zwischen angewandtem Aberglauben, beim Justizmord an Anna Göldi, und der rational technischen Beherrschung des absolut Unbekannten, dem Inneren eines schwarzen Lochs. Was noch zu beweisen wäre, diesen Sommer - vielleicht. Denn ob der neuste Ringbeschleuniger groß genug für so ein schwarzes Loch ist, lässt sich wohl ungleich schwerer berechnen als die Tatsache, dass eine solche Singularität, so sie denn entsteht, die Höflichkeit besitzt sich umgehend selbst zu verzehren und sich somit unschädlich zu machen. Laienhaft intuitiv kalkuliere ich das Restrisiko immerhin noch eins zu zehntausend. So beruhigt es mich, dass das Experiment auf irgendein Datum nach der Ausstellung verschoben wurde. Und somit einige Bilder, die über das letzte Jahr, von dieser Thematik inspiriert, entstanden sind, vorher noch gezeigt werden können. Denn vielleicht ist die Realität doch ein wenig eigensinniger als sich die nüchterne Mathematik dies vorstellen kann. Man nehme sich zum Beispiel ein ungleich größeres real existierendes Atom mittlerer Ordnungszahl zur Hand, vertiefe sich hinreichend in der Zeit, um in aller Ruhe seine kreisende, sich zu einem oszillierenden Formenwandel organisierende Bewegung zu studieren. So stellt sich alsbald einem die Erkenntnis in den Weg, dass es sich hierbei um das radikalst denkbare Gegenteil einer Kugel handelt. Ein in gleicher Weise fundamentales, wie typisches Beispiel für die grobe Vereinfachung derer sich der Mensch bedient, wenn er sich ein praktikables Bild von der Welt macht. Nimmt man doch sämtliche andere Bekannten wie Unbekannten, Wellen, Felder und Teilchen dazu, die hier und da mal wechselwirken oder auch nicht, findet man sich in den Sphären meiner Bildwelten wieder. Das Thema ist damit aber nicht vorgegeben. Die elementaren Formen, Winkel, Kurven, Proportionen und Verläufe aus denen sich meine Bilder zusammensetzen, sind im Kleinen wie im Großen gleich. Der Betrachter ist aufgerufen, aktiv zu sehen, zu defokussieren, zu blinzeln, seinen Blick im Bild zur Ruhe kommen zu lassen, die Pupille nicht zu bewegen bis sich der erste Bildeindruck verliert und die eigenen Bilder hinter den Strichen entstehen.

Bilder der Ausstellung: