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Barbara Lüdde und Moshtari Hilal

STRUKTUR

Vom 04. bis zum 24. Oktober 2020 inszenieren die Hamburger Künstlerin Barbara Lüdde und die Berliner Künstlerin Moshtari Hilaldie Galerieräume neu. Mit einem Spiel von transparenten Flächen, flankiert von ihren Zeichnungen, wird der Raum in einen experimentellen Ort verwandelt in dem gesellschaftliche Fragen neu gestellt werden.

Zur Vernissage am Samstag den 03. Oktober laden wir herzlich ein.

Bitte buchen Sie Ihren Termin hier für die Eröffnung.

Die Ausstellung »STRUKTUR« ist ein gemeinsam inszenierter Raum, in welchem sich Barbara Lüdde und Moshtari Hilal mit der Struktur und Oberfläche in der Zeichnung und in der Gesellschaft beschäftigen. Neben Einzelarbeiten, Zeichnungen und Animationen, stellen die Künstlerinnen auch kollaborative Objekte aus. Diese Arbeiten spielen mit der Transparenz von Seide, Folie und Plexiglas und suggerieren anhand durchsichtiger Oberflächen einen gewollten Voyeurismus. Mit der gezeichneten Linie wird jedoch die Transparenz gebrochen, strukturiert und verschlüsselt.

Während Barbara Lüdde junge Protagonist*innen aus der Sub- und Jugendkultur porträtiert, spielen bei Moshtari Hilal Gesichter und Körper von Personen, die wie ältere Familienmitglieder erscheinen, und von Kleinkindern eine Rolle. Alle Porträtierten verbindet, dass sie sich, wenngleich nicht in einer Subkultur, außerhalb der hegemonialen Kultur, also in einem Abseits befinden. Es sind andere Körper, teilweise andere Welten, in denen sich die Protagonist*innen bewegen. Hautoberflächen und Kleidung werden bei Lüdde willentlich durch Tattoos und Prints markiert. Bei Hilal scheint der junge Bartflaum oder das bestickte Kleid eher geerbt als gewählt. Aber was die Körperausschnitte und Gesichter in der Ausstellung gemeinsam haben, ist die Inszenierung ihrer Oberfläche als Projektionsfläche für den persönlichen und künstlerischen Ausdruck, die Selbstreflexion und auch die gesellschaftliche Wahrnehmung.

Die Zeichnungen von Barbara Lüdde zeigen eine Situation im Stillstand. Ihre Figurationen befinden sich zwischen gegenseitiger Ablehnung und Zuwendung in einem undefinierten, nahezu schwerelosen Raum. Ort und Zeit haben keine Relevanz. Durch die Technik der Bricolage erschafft Lüdde (Schein-)Identitäten: Accessoires, Kleidung, Frisuren und Tattoos werden zusammengefügt, um die reale Existenz einer Person zu suggerieren. Auf den Textilien sind Strukturen zu sehen, Muster ohne Sinnzusammenhang: Hawaiihemd, Zebramuster und Camouflage. Gleichfalls Muster mit zugesprochener Bedeutung, ihrem eigentlichen Bedeutungskontext enthoben und re-kontextualisiert. Die Strukturen sind wichtig, gleichzeitig falsch. Lüddes Figuren tränken sich in einsamer Ohnmacht, gleichwohl – in stiller Sehnsucht nach einem (Struktur-)Wandel – auf der Suche nach dem Sinn im eigenen Dasein.

Auch bei Moshtari Hilal befinden sich die Personen im Stillstand, wie in einer Momentaufnahme. Hier sind jedoch Ort und Zeit bekannt. Wie Neuinterpretationen von Porträtaufnahmen oder Familienfotos. Ihre Protagonist*innen haben starke, betonte Augenbrauen, zwischen ihnen erheben sich markante Nasen. Es ist immer dasselbe Gesicht, immer und immer wieder in alte und fiktive Erinnerungen hineingeschrieben. Schwarzes Haar umrandet ihre Oberlippen und wächst an ihren Unterarmen bis unter die Ärmel. Diese schwarzen Abzeichen heben sich in scharfem Relief von dem Weiß des Papiers ab. Sie markieren ungewollt ihre Körper, aber Hilal inszeniert sie gewollt in ihren Zeichnungen. Die Haaroberflächen sind in gewisser Weise vergleichbare Muster, denen – wie bei Lüdde – eine Bedeutung zugesprochen wird. Die Personen und die Strukturen, die Hilal zeichnet, sind geschaffen, um sich mit der Scham und der negierten Schönheit von schwarz behaarten Körpern zu versöhnen. Der Strukturwandel bei Hilal ist nicht die Suche nach neuer Bedeutung, keine Bricolage, sondern die Bewegung zur Wurzel. Gemeint ist die Haarwurzel, gemeint ist die Geschichte, das eigene Familienarchiv und das eigene Gesicht.

Lüdde und Hilal wirken dem gesellschaftlich determinierten Blick der Betrachter*innen mit der gezeichneten Linie entgegen, um Sehgewohnheiten herauszufordern, aber auch um Projektionsfläche für sich selbst zu erschaffen. 

Teil der Ausstellung ist eine Vinyl-Postkarte, die mit einer Zeichnung bedruckt und einem Track von Lüdde – in Kooperation mit CORECASS – bespielt ist.