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Simon Hehemann

SINUS MEDII

Vom 12. September bis zum 02. Oktober 2021 zeigt der Hamburger Künstler Simon Hehemann bei Feinkunst Krüger seine neuesten Arbeiten. SINUS MEDII fügt sich ein in die Reihe spektakulärer Ausstellungen von Hehemann bei Krüger. Seit 2009 ist die Kunstwelt alarmiert, wenn es zu dieser Konstellation kommt, denn immer erwartet die Besucher*innen der Ausstellungen etwas Neues, Spektakuläres, bisher nicht Gesehenes, was lange in Erinnerung bleibt. Auch diesmal ist es so und Hehemann schafft es, seine letzte Ausstellung noch zu übertreffen. Ein Stockwerk ist nicht mehr genug für ihn: Nun wird auch das komplette Kellergeschoss zum Ausstellungsraum umgebaut. Aber bereits im oberen Raum betritt man eine eigene Welt, die aus Licht und Projektionen besteht. „Weltmodelle" und eigens angelegte Pfade ergänzen das Ganze zu einem vollends eigenen Kosmos. 

Zur Vernissage am Samstag, den 11. September 2021 laden wir herzlich ein. 

Informationen zur Uhrzeit folgen ab dem 06. September auf der Website.

Anlässlich der Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog.


Nach „Aus diesem Punkt“, 2019, heißt Simon Hehemanns neue Solo-Ausstellung bei Feinkunst Krüger „Sinus Medii“.
„Aus diesem Punkt“ ließ sich als eine Wanderung verstehen; im Gefüge der Schau gab es einen Reiseraum, und die BesucherInnen bewegten sich durch die komplex strukturierten Räume, die vielteilige Landschaft der Werke, als befänden sie sich auf dem Mäander einer Reise ins Ungerade.

„Wer vom Ziel nicht weiß, kann den Weg nicht haben“, die ersten Zeilen eines Gedichts von Christian Morgenstern; die „Reiseaufgabe“ ist, aus dem repetierenden Kreis eine Bahn zu formen, die einmündet, wie der Fluß, mit allen Verästelungen seines Delta, zunächst ins offene Meer, um dann in die Kurvatur der Bucht einzubranden und eine neue Form auszufüllen.

Sinus Medii – Bucht der Mitte... Nabelregion in der Topographie einer Terra Incognita. Doch beim ersten Hören ist es ein Name wie aus dem Astwerk, der Krone humanistischen Adels heruntertönend: Sinus, ein rebellischer MediCi-Spross, in schwarzem Samt, die langen Finger eingeklemmt zwischen Buchseiten, der ungehorsam aus Überzeugung und aus seiner Stirnhöhle auf das hohe C pfiff  – und es fallen ließ! Denn er zog es vor, nach „den stillen Dingen zu fragen“ und sich suchend aufzumachen, anstatt sich der Akkumulation von Mammon und den  Familiendeals zu ergeben. Ein beseelter Neinsager, der seine Wurzeln aus der Erde heraus- und dann auf den Mond umzieht. Denn dort liegt sein Ziel und sein Spiegel: Das Mondmeer Sinus Medii, im Zentrum der erdzugewandten Seite. Ein zur weiten Ebene ausgedehnter opaker Punkt, eingefasst von Mondgebirgsrändern, die im Chiaroscuro von Licht und Schatten changieren: ein erstarrter Basaltlava-See.

(Und wogegen auch immer jener Sinus sich entschieden haben mag, so doch für die Kunst und scheint Simon, den in seinem Ateliergehäuse an seinem Erdenpensum unermüdlich schaffenden Künstler, im Traum und wie eine Sonde mit Bildern zu versorgen und ihm in stiller Post Informationen zu seiner Sicht zuzuflüstern)

Aus dieser Monden-Ebene lassen sich Weltmodelle anders entwickeln: auf  Wesen und Werden der Larve, nicht auf die finale Erscheinung des Falters hin, für ein Potential der Latenz, das Kommende darin eingebettet und noch stilles Teilgeheimnis.
Simon Hehemann nennt im Entstehungsprozess die Werkgruppe der herabhängenden Gebilde aus fragilen, untereinander mit Fäden verspannten Meridian-Reifen unterschiedlicher Durchmesser „Weltmodelle“ und zitiert die Parameter der Schwellenzeit zwischen Mittelalter und Renaissance auf seine Weise ins Heute.

Warfen die Textbänder der Gotik noch Falten, umspannen sie nun, nachdem sie in Gänze aus dem Schneckenhaus der Farbbandkartusche ausgezogen waren, ganz glatt die äußeren Bahnen dieser mit ausgeklappten Segelkellen im Luftzug still kreisenden Gehäuse: „eine ungeheure Zeit“, „Linie nach Osten es ist sonderbar“, „Scheitelwert der Induktionsspannung“...: ineinander verschlungene Satzfragmente im Spannungsfeldfeld zwischen Spindel und Spule, Zirkel- und Zungenspitze; ohne Alpha und Omega bilden sie an den Rändern im Raum punktlos ein Palimpsest von Text oder mehr: ein unaufhörliches Wort.

Es offenbart die zwischen Scheitelknoten und Angelblei am Faden schwebende schwarze Larve: Das vitale Pneuma, sie nimmt es durch ihren Nabel auf (ein Blitzventil!) und endelos quillt dies alles mit allem verbindende Agens aus der Düse der Mopedluftpumpe.

Fixierendes Teleskop-Starren auf einen Punkt hin, ins Zentrum eines Geisterkraters – ach, es hatte wohl seine Zeit und wirkt noch nach. Die ins Messingrohr gefassten und auf Abbildschärfe hingeschliffenen optischen Linsen sind in die Nähe des Schmelztiegels geraten und begegnen uns, wie kürzlich im Paternoster, nunmehr blind und wabernd wie ein von Kindern am Meeresstrand aus sandpanierten Kompassquallen gestapelter leicht wankender Turm.
Das technische Instrument erscheint als kehre es in hypothetischer Gestalt seines organischen Urzustands wieder, aus sich selbst heraus formorganisiert wie der Gott der Amöben. Und dieser weiß sein Ziel, ist somit den Menschen überlegen und wird, über sich hinauswachsend und dabei sich verströmend, eines Tages deren geschäftige Welt unter der stillen und hellen Schleimpilzdecke verschwinden lassen und die Erde endlich zum Mond des Mondes machen.

Schon Plutarch fand es nicht anstößig, den Mond schlicht als eine zweite Erde zu betrachten und umgekehrt. Johannes Kepler wagt einen Schritt und legt, während Kollege Galilei noch den fernen Jupiter anstarrt, sein Fernrohr beiseite und träumt sich mit seinem utopischen Bericht Somnium direkt auf den Mond!
Kepler begegnet den Privolvanern und Subvolvanern persönlich, schaut auf die den Mond umkreisende Erde – und entdeckt etwas, Mondendinge, wie es aus Simon Hehemanns Atelier stammen könnte:

Weit und breit zerstreut liegen Massen von der Gestalt der Tannenzapfen umher, deren Schuppen tagsüber angesengt werden, des Abends aber sich gleichsam auseinanderthun und Lebewesen hervorbringen.

Das Verbindende ist die Produktivität der Versehrung: Simon Hehemanns plastische Arbeit mit diesem Angesengten, mit Verschmutztem und gleichgar Ruinösem, mit den Fragmenten und all derer Bruchkanten, ist nicht als ein Arrangieren von Verlust anzusehen, sondern, ganz frei vom Pathos der Metamorphose aus dem Relikt, signifiziert doch vielmehr jeder einzelne Bruch Zugehörigkeit zu seinem anderen Teil. Es zeigt sich keine Wunde, sondern gelingender Anschluss, und wieder zusammengebracht, in verglasten Schaukästen und modesten Schreinen, offenbaren diese Teile, diskret mondfarben, spezifisches Wachstum: Wie gebrochenes Brot, das eine Begegnung hervorbringt.
Brot zu brechen, diese ursymbolische und zugleich real-stoffliche Geste mündet in die Verstoffwechselung getauschter Gedanken und gemeinsam eingenommener Speise. Bucht der Mitte ist auch dies und bildet dazu eine Ebene: 
Und so sagt man ja auch, auf einer Ebene – und hat dazu die spezifische Wellenlänge im Sinn, auf der man gemeinsam wandelt.

Text: Alexander Rischer

 

Mit der Unterstützung  von Neustart Kultur und Stiftung Kunstfonds